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2009/12 Buchtipp Dezember 2009 von Alexandra Kvassayova
ANLEITUNG ZUM UNGLÜCKLICHSEIN
von Paul Watzlawick
Dezember 2009 - Rezension von Alexandra Kvassayová:
Mit Aphorismen, Zitaten, Anekdoten & Kurzgeschichten – als Grundbausteine – konzipierte Watzlawick ein Buch (Sachbuch), das als Gegenstück zu den Ratgebern gesehen wird, die das Streben nach Glück als die menschliche Prämisse für dessen Existenz erachten. Die Aufteilung des Buches folgt einer Aneinanderreihung von pointierten Geschichten, deren Inhalte mehreren, von ihm erforschten, Themengebieten zugeordnet werden können (so sind hier Erkenntnisse aus seiner Kommunikationstheorie, der Theorie über den radikalen Konstruktivismus, der Doppelbindungstheorie (als Mitentwickler) & Vieles entsprechend den Erkenntnissen der Palo Alto Schule abgebildet).
Das Spiel mit der Vergangenheit, demonstriert anhand von 4 Beispielen, zeigt auf, wie das Festhalten am Vergangenen, bzw. die Anwendung des Erlebten, zum erfolgreichen Unglücklichsein in der Gegenwart führt: „Hier blicken wir mit Bewunderung auf unsere biblische Lehrmeisterin, Frau Lot, zurück – Sie erinnern sich doch? Der Engel sagte zu Lot und den Seinen: „Rette dich, es gilt dein Leben. Schaue nicht hinter dich, bleibe nirgends stehen […] Seine Frau aber schaute zurück und wurde zu einer Salzsäule [Gen. 19,17 und 26].“ Ebenso ist die Geschichte „Das Schicksalhafte Glas Bier“ als ein Beispiel an die Macht der Begründung unserer Opferrolle in der Vergangenheit und der Determination der Gegenwart angeführt. In Form weiterer Anekdoten wird auch die Wirkung der ‚Self-fulfilling prophecy’ deutlich („Der verlorene Schlüssel, Die Geschichte mit dem Hammer & nicht zuletzt das Beispiel des Ödipus als Idee von Popper, etc.). „Vor dem Ankommen wird gewarnt“ ist als ein weiterer Grundstein, den es auf dem Weg zum Unglücklichsein zu beachten gilt, postuliert. Die „Sei glücklich!“ bzw. „Sei spontan!“-Paradoxie wird ebenfalls als ein Instrument für das Werk des Unglücklichseins angeführt und beleuchtet die – in sich selbst begründete – Unmöglichkeit der Erfüllung des formulierten Wunsches. In seinem letzten Kapitel (vor dem Epilog) stellt Watzlawick (ihm nach) eine rhetorische Frage nach dem Schwerfallen, wenn es um die Einsicht geht, dass das Leben (mit einem Partner) nicht zwangsweise ein Nullsummenspiel ist und meint, dass „man daher gemeinsam gewinnen kann, sobald man nicht mehr davon besessen ist, den Partner besiegen zu müssen, um nicht besiegt zu werden? Und – für den routinierten Nullsummenspieler ganz unfaßlich – dass man sogar mit dem großen Gegenspieler, dem Leben, in Harmonie leben kann?…“.
Bemerkung zum Buch von Alexandra Kvassayová: Der Autor stellt in seinem Werk einige Beispiele, explizite Anleitungen, bzw. deduzierbare Wege zum ‚erfolgreichen’ Unglücklichsein dar, wobei er einige Male seine kontinuierlich bekundete Sympathie gegenüber dem ‚Naturgenie’ (Mensch, der den Zustand des Unglücklichseins mit Leichtigkeit erreicht), auch dem ‚Minderbegabten’ (Mensch, dem das Streben nach Unglück im Beispielvergleich nicht so leicht von der Hand geht) zu schenken weiß, was die Selbstverständlichkeit seiner ironischen Darstellung und die dadurch ermöglichte (gewollte?) – von nicht allzu starker kognitiven Dissonanz geprägte – Selbstreflexion mit einem Ballast belegt (Doppelbindung?). Für Leser, die sich im Alltag selbst der wichtigste Patient sind, ist diese Form der Auseinandersetzung eher mit einem bitteren Beigeschmack versehen und schlägt zwei Bogen zu viel, um an ihr Ziel zu gelangen (das Ziel der selbstreflektiven Betrachtung vorausgesetzt). Als eine Krücke auf dem Weg zur – noch unbekannten – Rehabilitation eines möglicherweise bis dato nie da gewesenen ‚Vormals-Zustand’ ist dieses Band ein leicht lesbarer Stoff.
Autor: Paul Watzlawik (geb. 1921 in Villach, Österreich; verstorben 2007 in Palo Alto, Kalifornien) war nach seinem Studium der Philosophie & der Sprachen und der psychotherapeutischen Ausbildung am C.G. Jung-Institut in Zürich Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Psychoanalytiker, Soziologe, Philosph und Autor. Seinen Arbeiten wird Einfluss auf die Familientherapie und allgemeine Psychotherapie postuliert. Im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Kommunikationstheorie (5 pragmatische Axiome) und über den radikalen Konstruktivismus einem größeren Publikum bekannt. Er lehrte an der Stanford University und war seit 1960 Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto.
Weitere Veröffentlichungen: Watzlawick veröffentlichte 18 Bücher, die in 85 Sprachen übersetzt wurden. Darüber hinaus verfasste er über 150 Artikel. Auszug:
Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien. Huber, Bern 1969, ISBN 3456834578 Lösungen – Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Huber, Bern 1974, ISBN 3-456-80038-X Wie wirklich ist die Wirklichkeit – Wahn, Täuschung, Verstehen. Piper, München 1976, ISBN 3-492-02182-4 Die Möglichkeit des Andersseins – Zur Technik der therapeutischen Kommunikation. Huber, Bern 1977, ISBN 3-456-80433-4 (Neuauflage 2002, ISBN 978-3-456-83895-3) Die erfundene Wirklichkeit – Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?. Piper, München 1981, ISBN 3-492-02581-1 Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen. Piper, München 1986, ISBN 3-492-03085-8 Münchhausens Zopf oder Psychotherapie und „Wirklichkeit“. Huber, Bern 1988, ISBN 3-456-81708-8 Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns. Picus, Wien 1992, ISBN 3-85452-315-7 Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen – Über das Glück und die Konstruktion der Wirklichkeit. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04942-7
Anleitung zum Unglücklichsein
1983 Piper Verlag GmbH, München
7. Auflage 2009
ISBN 978-3-492-24316-2

